Richard Wagners Bayreuther Chronik

Von einer Reise 1835 kannte Wagner Bayreuth und verband angenehme Erinnerungen mit der Stadt: „Außerdem hat mir schon in frühester Zeit dieser freundliche Ort mit seinen Umgebungen einen anziehenden Eindruck hinterlassen.“ Durch das Markgräfliche Opernhaus wieder nach Bayreuth gelockt, beschloss Wagner 1870 hier sein Festspielhaus und seinen Altersruhesitz zu errichten. Damit beginnt Wagners Bayreuther Chronik – und somit auch die Geschichte Bayreuths als Wagner-Stadt – und schildert dann die Jahre bis zu seinem Tod 1883.

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1870 / Entdeckung des Markgräflichen Opernhauses

Am 5. März 1870 war Wagner gesprächsweise erstmals auf das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth als möglichen Aufführungsort des Ring aufmerksam gemacht worden, und nachdem München für ihn aufgrund der Stimmung am Hof gegen ihn sowie den Spannungen zwischen ihm und dem König als Festspielort zunehmend unattraktiv geworden war, gelangte mit Bayreuth der letzte Haupt-Schauplatz seines Lebens ins Visier, an dem sich mit dem Bau des Festspielhauses und den Uraufführungen des Ring 1876 und Parsifal 1882 die künstlerische Vollendung Wagners vollziehen sollte.

Doch zunächst wurden Wagner und Cosima am 25. August in der protestantischen Kirche von Luzern getraut, und während der deutsch-französische Krieg tobte, dirigierte Wagner zu Cosimas Geburtstag am Weihnachtsmorgen im Tribschener Treppenhaus einige Mitglieder des Orchesters der Züricher Tonhalle zum heimlich komponierten und ihr gewidmeten Siegfried-Idyll.

1871 / Besichtigung Bayreuths

Nach der Vollendung des Siegfried am 5. Februar 1871 reisten Richard und Cosima Wagner Mitte April erstmals nach Bayreuth und besichtigten das Markgräfliche Opernhaus, das sich jedoch als zu klein und ungeeignet für die beabsichtigten Aufführungen des Ring erwies. Da Wagner jedoch von den Gegebenheiten des Ortes angezogen war und Bayreuth alle gewünschten Voraussetzungen besaß wie Abgeschiedenheit bei doch zugleich zentraler Lage und Zugehörigkeit zu Bayern, Ferne der Großstadt, Fehlen eines stehenden Kulturbetriebs, schöne landschaftliche Umgebung usf., beschloss er, sich hier niederzulassen und das Festspielhaus für die Aufführungen des Ring zu errichten.

Umgehend begann er, auf zahlreichen Reisen die Mitwirkenden zu engagieren und die nötigen Geldmittel einzuwerben. So ist er Ende April zunächst in Berlin, Hotel „Tiergarten“, wo er Karl Tausig als Geschäftsführer des Patronatvereins gewann und Gespräche mit der wichtigen Mäzenin Gräfin von Schleinitz sowie Bismarck führte, der jedoch von Wagner und seinen Ideen wenig angetan ist. Am 8. Mai nach Leipzig abgereist, kündigte Wagner am 12. Mai von dort aus die ersten Festspiele für 1873 an. In Darmstadt engagierte er Karl Brandt als Technischen Direktor und reiste zunächst über Heidelberg nach Tribschen zurück.

Am 9. Dezember reiste Wagner über München erneut nach Bayreuth, wo er mit den Behörden verhandelt und am 15. den geplanten, jedoch kurz darauf wieder verworfenen Bauplatz bei St. Georgen besichtigt. Am nächsten Tag reist er nach Mannheim weiter, wo er auf Cosima und Nietzsche trifft und am 20. ein Konzert mit eigenen Werken, darunter das Siegfried-Idyll, Vorspielen und Orchesterstücken, sowie Beethovens und Mozarts zugunsten des von Emil Heckel soeben neu gegründeten „Richard-Wagner-Vereins“ gibt und zwei Tage später wieder nach Tribschen zurückkehrt, wo er bereits seit Mitte Juni 1870 an der Götterdämmerung komponierte.

1872 – 1873 / Standortbestimmung

Am 2. Januar 1872 entschied sich der Gemeinderat von Bayreuth für den endgültigen Standort des Festspielhauses unterhalb der Bürgerreuth. Über Basel zu einem Gespräch mit Nietzsche, Berlin bei Marie von Schleinitz und Weimar zu Verhandlungen mit Intendant Frhr. v. Loën kommend traf Wagner am 31. Januar in Bayreuth ein, wo er einen Tag später das Grundstück für sein künftiges Wohnhaus „Wahnfried“ am Hofgarten erwarb.

Am 5. Februar zurück in Tribschen, reiste er bereits am 22. April erneut über Darmstadt nach Bayreuth, während in Tribschen der endgültige Umzug vorbereitet wurde. Am 27. April bezog Wagner das Hotel „Fantaisie“ in Donndorf, westlich von Bayreuth, wohin Cosima mit den Kindern am 30. folgte. Nach einer weiteren Konzertreise zum Wiener Wagner-Verein wurde am Vormittag von Wagners 59. Geburtstag um 11 Uhr der Grundstein des Festspielhauses gelegt. Am Nachmittag um 17 Uhr folgte u.a. die Aufführung der 9. Symphonie Beethovens im Markgräflichen Opernhaus unter Wagners Leitung.

Der Sommer in „Fantaisie“ verging im Wesentlichen mit der Skizzierung des 3. Aufzugs der Götterdämmerung und dem Diktat von Mein Leben. Ende September bezog Wagner mit seiner Familie dann das Haus Dammallee Nr. 7 in Bayreuth. Von dort aus begann er mit Cosima eine erste große Reise zur Anwerbung von Künstlern für die Festspiele, zunächst nach Würzburg, dann Frankfurt, Darmstadt, Mannheim, Stuttgart, Straßburg, Karlsruhe, Wiesbaden, Main, Köln, Düsseldorf, Hannover, Bremen, Magdeburg, Dessau und Leipzig. Am 15. Dezember ist man zurück in Bayreuth, wo sich erste Anzeichen von Wagners Herzerkrankung bemerkbar machen. Doch bereits einen Monat bricht er zur nächsten Reise über Dresden, Berlin, Hamburg, Schwerin, wieder Berlin, Dresden und Chemnitz zurück nach Bayreuth auf.


Am 24. April konzertiert er jedoch bereits wieder im Kölner Gürzenich und reiste zwei Tage später über Kassel und Leipzig nach Bayreuth zurück, wo er Anfang Mai mit der Partitur der Götterdämmerung begann, die er bis Weihnachten vollendete. Am 2. August fand das Richtfest des Festspielhauses statt, im September und Oktober waren Bruckner und Nietzsche bei Wagner zu Gast, und am 31. Oktober versammelten sich im Bayreuther Hotel „Sonne“ die Mitglieder des Patronats und die Delegierten der Wagner-Vereine. Die stockende Finanzierung des Unternehmens durch nur zögerliche Akzeptanz der Patronatscheine führte Wagner am 20. November allerdings zunächst ergebnislos nach München. Am 28. November empfing Wagner in der Dammallee Karl Brandt und den Landschaftsmaler Prof. Josef Hoffmann aus Wien, der ihm Dekorationsskizzen für den Ring vorlegte und von Wagner daraufhin für das Bühnenbild verpflichtet wurde.

1874 / Wahnfried vollendet

Am 28. April 1874 bezog Wagner mit dem Haus „Wahnfried“ sein erstes eigenes Wohnhaus, zu dessen Bau Ludwig II. 25.000 Taler beigesteuert hatte. „Wahnfried“, „hier, wo mein Wähnen Frieden fand“, wie Wagner es an der Vorderseite des Hauses eingravieren ließ, wurde Wagners Alterssitz. Hier vollendete er mit Ring und Parsifal sowie deren Uraufführungen im eigenen Festspielhaus 1876 und 1882 sein Künstlerleben und erreichte so schließlich das Ziel seines überragenden, aber auch durch Leiden und Entbehrung geprägten Schaffenswillens. Hier setzte er am 21. November mit den Worten „Vollendet in Wahnfried. Ich sage nichts weiter.“ den Schlussstrich unter die Partitur der Götterdämmerung und damit des Ring des Nibelungen als dem inkommensurablen Werk der Musiktheatergeschichte.

1875 – 1876 / Erste Festspiele

Um die Aufführung des Ring des Nibelungen voranzutreiben, war Wahnfried Ausgangspunkt erneuter, zahlreicher Reisen mit Cosima, u.a. nach Wien und Budapest Anfang 1875, wo er gemeinsam mit Liszt ein Konzert mit eigenen Werken und dem Es-Dur-Klavierkonzert Beethovens gab. Die nächste Reise im April führte nach Leipzig, Hannover, Braunschweig und Berlin, zurück nach Bayreuth und schon eine Woche später wieder zu einem dritten Konzert nach Wien. Nachdem im August der Rohbau des Festspielhauses abgeschlossen wurde, fanden die ersten Proben in Wahnfried statt, bevor Wagner im November erneut nach Wien reiste, wo am 22. eine Neufassung des Tannhäuser unter dem Ring-Dirigenten Hans Richter ein überwältigender Erfolg wurde, ebenso wie die von Wagner selbst einstudierte Berliner Erstaufführung des Tristan am 20. März 1876.


Anfang Juni begannen dann die Proben für die ersten Bayreuther Festspiele, die mit dem Rheingold am 13. August eröffnet wurden. Bis zum 30. August wurden drei Ring-Zyklen gespielt, doch künstlerisch und vor allem finanziell blieben die ersten Festspiele unbefriedigend: zur Deckung des Defizits von 148.000 Mark musste Wagner den Fundus und die Dekorationen verkaufen, und das Festspielhaus musste bis auf weiteres geschlossen werden.

Um sich von den Strapazen der Festspiele zu erholen, reisten Wagner und Cosima Mitte September über München, Verona, Venedig, Bologna und Neapel nach Sorrent, wo sie mehr als einen Monat verbrachten. Dort kam es Anfang November zum letzten Zusammentreffen mit Nietzsche. Am 7. November geht es über Neapel, Rom, Florenz, Bologna und München zurück nach Bayreuth, wo man am 20. Dezember eintraf.

1877 – 1879 / Parsifal und Festspielpause

Trotz Frustration und Überlegungen, Bayreuth wieder aufzugeben, eröffnete Wagner Cosima am 25. Januar 1877: „Ich beginne den Parzival und lass nicht eher von ihm als er fertig ist“ (CT I, S. 1027). In Wahnfried schrieb Wagner bis zum 23. Februar zunächst einen zweiten Prosaentwurf, änderte Mitte März die Schreibweise in „Parsifal“ und vollendete bereits am 19. April das Libretto.

Über Würzburg, Mainz, Köln und Brüssel traten Wagner und Cosima am 30. April eine Reise nach London an, wo Wagner gemeinsam mit Hans Richter acht Konzerte in der Albert-Hall gab und am 17. Mai im Schloss Windsor von Queen Victoria empfangen wurde. Am 5. Juni trifft Wagner dann zu einer vierwöchigen Kur in Bad Ems, „Villa Diana“, ein. Danach reiste man nach Heidelberg und von dort über Mannheim nach Luzern, wo nach über 5 Jahren am 19. Juli Tribschen besucht wird. Über Zürich, München, Nürnberg, Weimar und Eisenach ging es zurück nach Bayreuth, wo man am 28. Juli eintraf und bis zum Jahresende 1879 ununterbrochen blieb. Hier begann Wagner Ende September mit der Komposition des Parsifal, die er bis zum 26. April 1879 kontinuierlich bis zum Abschluss der Skizzen vorantreiben konnte.

Am Morgen von Cosimas Geburtstag am 25. Dezember 1878 erklang – ausgeführt von Mitgliedern der Meiniger Hofkapelle – in der Halle von Wahnfried erstmals das Parsifal-Vorspiel. Am 3. Januar 1879 begann (nach Rheingold und Walküre im April sowie Siegfried und Götterdämmerung im September) in Leipzig die erste Gesamtaufführung des Ring außerhalb Bayreuths in den Dekorationen und Kostümen der Uraufführung, die Angelo Neumann Wagner abgekauft hatte. Am 26. Mai begann der erste Ring in Wien. Im Sommer verschlechtert sich Wagners Gesundheitszustand und verzögert den Beginn der Arbeiten an der Parsifal-Partitur.

1880 / Italien und "Mein Leben"

Am Silvestertag 1879 aus Bayreuth abgereist, verbrachte Wagner fast das ganze Jahr 1880 in Italien und traf mit seiner Familie am 4. Januar 1880 in Neapel ein, wo er die „Villa Angri“ am Posilippo bezog. Dort begegnete er erstmals dem russischen Maler Paul v. Joukovsky, der die Entwürfe des Parsifal-Bühnenbildes fertigen wird, sowie Engelbert Humperdinck, den er als musikalischen Assistenten gewinnt. 

Bis Ende März schloss Wagner hier auch das Diktat seiner Autobiographie Mein Leben ab, die bis zu seiner ‚Errettung‘ durch Ludwig II. 1864 reicht. Trotz aller Pläne, insbesondere zur Uraufführung des Parsifal in Bayreuth, quälten Wagner Erschöpfung und Niedergeschlagenheit; er äußerte Auswanderungspläne in die USA. Am 26. Mai machte Wagner einen Ausflug über Amalfi nach Ravello, wo er den Park des Palazzo Rufolo besichtigte und dort ins Gästebuch schrieb: „Klingsors Zaubergarten ist gefunden!“ Nach einem Anfall von Gesichtsrose oder nervöser Allergie verließ Wagner am 7. August Neapel und reiste über Rom, San Marcello, Pistoja und Florenz nach Siena, wo er in der „Villa Torre Fiorentina“ abstieg. 


Die Kathedrale von Siena wurde aufgrund ihrer gewaltigen Raumwirkungen zum Vorbild des Gralstempels. Am 4. Oktober traf Wagner in Venedig ein, wohnte zunächst im „Hotel Danieli“ und bezog zwei Tage später den Palazzo Contarini dalle figure am Canal Grande. Am 30. Oktober begann die Rückreise über München, wo er am 12. November letztmals König Ludwig II. begegnete. Am 17. November war die Familie zurück in Wahnfried, wo Wagner die kontinuierliche Arbeit an der Parsifal-Partitur wieder aufnahm und für 1882 die nächsten Festspiele mit dessen Uraufführung ankündigte.

1881 – 1883 / Zweite Festspiele und Tod in Venedig

Erst am 1. November 1881 verließ Wagner mit seiner Familie Bayreuth erneut, um die Wintermonate in Italien zu verbringen. Über München, Bozen und Verona ging es nach Neapel, von dort mit dem Schiff nach Palermo, wo Wagner im „Hotel des Palmes“ wohnte. Dort beendet er am 13. Januar 1882 die Parsifal-Partitur. Anfang Februar übersiedelte er in die Villa des Fürsten Gangi an der Piazza die Porazzi. Nach erneuten Herzanfällen im April reiste Wagner bis zum 1. Mai über Catania, Giarre, Riposto, Taormina, Messina, Neapel, Venedig, München und Nürnberg zurück nach Bayreuth. Dort begannen die Vorbereitungen der Parsifal-Uraufführung, mit der am 26. Juli die zweiten Festspiele eröffnet wurden. Bis zum 29. August fanden 15 weitere Vorstellungen statt. Bei der letzten Vorstellung übernahm Wagner beim 23. Takt der Verwandlungsmusik des 3. Aufzugs den Taktstock von Hermann Levi und dirigierte sein Werk unbemerkt vom Publikum selbst zu Ende. Es war das einzige Mal, dass er im Festspielhaus selber das Orchester leitete.


Nach weiteren beängstigenden Herzanfällen verließ Wagner mit Familie und Joukovsky am 14. September Bayreuth. Er sollte das Festspielhaus und Wahnfried nicht wiedersehen. Von Verona kommend traf er am 16. September in Venedig ein und bezog nach zwei Tagen im „Hotel Europa“ das Mezzanin des Palazzo Vendramin-Calergis am Canal Grande. Hier äußert er in einem Brief an den König den Wunsch, „nach und nach alle meine Werke in unsrem Bühnenfestspielhause in der Weise aufzuführen, dass diese Aufführungen als Muster der Korrektheit meiner nächsten Nachwelt wenigstens überliefert werden können“ (18.11.1882, KB III, S. 251). Einen Tag später traf Liszt ein und blieb bis zum 13. Januar. Mit einem Schülerorchester führte Wagner bei einem Konzert am 24. Dezember im Teatro La Fenice, bei dem auch Liszt Klavier spielte, seine Jugend-Symphonie in C-Dur auf. Es war sein letzter Konzertauftritt.

Die letzten Pläne Wagners galten dem buddhistischen Opernprojekt Die Sieger und einer Überarbeitung des Tannhäuser. In seinem Arbeitszimmer im Palazzo Vendramin erlitt er am Nachmittag des 13. Februar während der Arbeit an seinem Aufsatz Über das Weibliche im Menschlichen einen schweren Herzinfarkt und starb gegen 15.30 Uhr in Cosimas Armen. Seine letzte Ruhe fand er wie von ihm gewünscht in der Gruft im Park von Haus Wahnfried, wo er am 18. Februar 1883 beigesetzt wurde.

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